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«Der mögliche Rollenkonflikt wird oft unterschätzt»

Reagieren Frauen anders auf eine Uniform als Männer? Verleiht die Spezialkleidung Macht? Ist sie eher Bürde als Würde? Oder gar trendy? Die Antworten auf solche und andere Fragen im Hinblick auf die Einführung der neuen VBZ-Uniformen kennt Katja Rost, Professorin an der Universität Zürich im Bereich Wirtschafts- und Organisationssoziologie und Diversität.

Die Aufregung wächst, denn bald wird sie ausgeliefert, die neue Uniform für die VBZ-Frauen und -Männer, die im Fahrdienst oder anderen Bereichen mit Publikumskontakt tätig sind. Nachdem wir im Januar mit Testex jene Zürcher Firma vorgestellt haben, welche die neuen «Kleider» akribisch getestet hat, wollen wir diesmal mit Expertin Katja Rost von der Universität Zürich die gesellschaftlichen, psychologischen und soziologischen Aspekte der Uniform beleuchten.

Frau Rost, beginnen wir mit einer Art Grundsatzfrage: Welche sozialen Normen werden mit einer Uniform verknüpft?

Allgemein kann man es so formulieren: Die Person, die eine Uniform trägt, schlüpft in eine soziale Rolle, in der sie spezifische Kompetenzen erhält, um eine besondere berufliche Aufgabe erfüllen zu können. Die Handlungsmuster und Verhaltensweisen, die mit der sozialen Rolle einhergehen, sind in unseren Gesellschaften akzeptiert. Das ist letztlich auch der Zweck einer Uniform: Sie verleiht der Trägerin oder dem Träger eine auf Anhieb erkennbare Autorisierung.

Wir allen kennen den Spruch «Kleider machen Leute», der auf Gottfried Kellers gleichnamiger Novelle basiert: Inwiefern trifft er auf Uniformen zu?

Sehr direkt. Denn der Spruch sagt, dass gepflegte, gute Kleidung – und das trifft auf die Uniformen im Allgemeinen zu – das Ansehen der Trägerin oder des Trägers fördert. Bei der Uniform allerdings geht mit diesem Ansehen die Pflicht zu einer Vorbildfunktion einher: Von Personen, die anhand der besonderen Kleidung einen Sonderstatus erhalten, wird ein ethisch und moralisch einwandfreies Benehmen erwartet.

Ausnahmslos?

Ja, diese Anforderung gilt auch fürs Privatleben. Ein Polizist, der in der Drogenfahndung aktiv ist, kann sich nicht erlauben, in seiner Freizeit Haschisch zu konsumieren.

Uniform – nomen est omen – sind Einheitskleider und damit, wenn man so will, «neutral». Dennoch die Frage: Werden sie politisch eher links oder eher rechts eingestuft?

Die meisten würden wohl spontan «rechts» sagen, da die klassische Uniform mit dem Militär in Verbindung gebracht wird, welches man gefühlsmässig automatisch politisch rechts ansiedelt. Doch ganz so eindeutig ist es eben nicht. Zum einen tragen auch linke paramilitärische Guerilla-Einheiten Uniformen. Zum anderen, weil auch bei Sub- oder Fankulturen Arten von Uniformen existieren. Und die können, wie man am Beispiel von Skinheads oder Punks erkennt, welche beide definierte «Dresscodes» haben, rechts- oder linksgerichtet sein. Ebenso trifft das auf Fussballfans zu, die sich für Strassenraufereien einheitliche Vermummungstenüs zugelegt haben – schwarze Kleidung und die gleichen weissen Turnschuhe.

Katja Rost ist Ordinaria für Soziologie und Privatdozentin für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Zürich.
Katja Rost ist Ordinaria für Soziologie und Privatdozentin für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Zürich.

Reden wir über positive Emotionen: Kann eine Uniform der Trägerin oder dem Träger schöne Gefühle bescheren?

Tatsächlich empfinden gerade jüngere Menschen oft Stolz, wenn sie in ihrem Beruf eine Uniform tragen dürfen. Was dabei aber oft unterschätzt wird, ist der mögliche Rollenkonflikt.

Was meinen Sie damit?

Nehmen wir das Beispiel einer jungen Polizistin. In ihrem Freundeskreis ist sie beliebt, sie gilt als nett, sympathisch – und dann wird sie allein kraft ihrer Uniform in Auseinandersetzungen mit Autofahrern verwickelt und von denen beschimpft. Mit einer solchen Situation umzugehen, ist schwierig. Plötzlich wird einem bewusst, dass man beim Tragen der Uniform seine Persönlichkeit gegen ein negatives Image tauscht. Und ich könnte mir vorstellen, dass es sich bei VBZ-Kontrolleuren ähnlich verhält.

Diese Konflikte entfachen sich an der «Macht» der uniformierten Person?

So ist es. Uniformen verleihen eine legitime Macht, sei es zum Ausstellen einer Parkbusse, sei es zur Billett- oder Alkoholkontrolle. Selbst wenn die Erwischten oder Gebüssten die Legitimität dieser Macht nicht grundsätzlich anzweifeln, selbst wenn ihnen klar ist, dass nicht die uniformierte Person für das Gesetz verantwortlich sind, das sie übertreten haben, reagieren sie ihre Wut an dieser Person ab. Sie fixieren sich ganz auf die soziale Rolle und blenden aus, dass da auch ein ganz normaler Mensch vor ihnen steht.

Wie sieht es im Freundeskreis aus? Kann es auch da zu Auseinandersetzungen kommen?

Freunde sind im Normalfall in der Lage, die private von der sozialen Rolle zu trennen. Vielleicht muss der uniformierte Beamte mal den einen oder anderen blöden Spruch einstecken, aber mehr ist da selten.

Sind beim beschriebenen Wutverhalten geschlechterspezifische Unterschiede feststellbar?

In Prinzip sollte dies nicht sein, weil die Uniform eine soziale Rolle definiert, die nicht vom Geschlecht einer Person abhängig ist. Allerdings existieren in der Gesellschaft auch ungeschriebene soziale Rollenvorstellungen, wie sich Frauen und Männer verhalten beziehungsweise verhalten sollten. So werden Frauen oft die Eigenschaften «emotional» und «einfühlsam» zugeschrieben, bei Männern dagegen sind es die Eigenschaften «aggressiv» und «durchsetzungsstark».

Mit welchen Folgen?

Für Frauen kann damit die legitime Macht, die eine Uniform verleihen soll, schwächer sein als für Männer. Sodass eine uniformierte Frau bei einer Alkohol- oder Billettkontrolle stärker angefeindet wird.

Hat sowas letzlich auch mit der Erziehung und dem sozialen Umfeld zu tun?

Absolut. Die Rollentrennung kann man lernen, genauso wie man lernen kann, mit unterschiedlichen Kulturen und religiösen Symbolen umzugehen. Wer weltoffen ist und sich in einem entsprechenden Umfeld bewegt, hat bestimmt weniger Probleme bei der Differenzierung.

Gibt es Uniformen, die positiver aufgenommen werden als andere?

Ja. Das sind Uniformen, in der die soziale Rolle einen hohen Status innerhalb der gesamten Gesellschaft einnimmt. Wie der Feuerwehrmann, dessen Uniform positiv wahrgenommen wird, und zwar bereits bei Kindern, die gern in diese Rolle schlüpfen. Andererseits gibt es auch Berufe – zum Beispiel jener der Frauen und Männer, die im Dienst der Polizei «Blaue Zonen» abschreiten und bei abgelaufener Parkzeit Bussen verteilen –, die eher geringes Ansehen geniessen. Trotzdem brauchen gerade Vertreter solcher Berufe eine Uniform, um in ihren Pflichten legitim anerkannt zu sein.

Kennt man im Kontext von Uniformen auch das Phänomen der Eigen- und Fremdwahrnehmung?

Klar. Besonders gut aufzeigen lässt sich das anhand der unmittelbaren Bezugsgruppen: Wenn ich selber ein junger Punk bin, finde ich die «Uniformierung» natürlich klasse. Meine Eltern sehen dies mit hoher Wahrscheinlichkeit ganz anders, sie empfinden mein Outfit als ungepflegt, asozial – weil sie nicht zur Bezugsgruppe gehören. Und das passt, denn eine solche Uniform möchte genau dieses «Innen» und «Aussen» vermitteln und provozieren.

Wechseln wir von den sozialen zu den materiellen Aspekten: Was macht eine gute neuzeitige Uniform aus?

Sie ist aus langlebigem Material gefertigt, was heisst, dass sie sich beim Reinigen oder Waschen weder in der Form noch Farbe verändert. Zudem gibt es heutzutage auch den berechtigten Anspruch, dass die Uniform bequem und allwettertauglich sein und hohen hygienischen Ansprüchen genügen muss, da sie ja womöglich täglich und dabei auch in extremen Situationen zum Einsatz kommt. Vom Stil her ist die moderne Uniform elegant, nicht steif. Farblich sollte sie eher unauffällig und, wie es der Name sagt, in einer Grundfarbe gehalten sein.

Wie ist es mit dem Faktor Mode – ist bei Uniformen diesbezüglich eine Entwicklung oder «Trendisierung» erkennbar?

Uniformen sind eindeutig modischer geworden. Der Schnitt hat sich in den letzten Jahren der Mode angepasst, die Kombinationsmöglichkeiten haben sich erweitert – so steht es bei einigen Uniformen beispielsweise frei, einen Rock oder eine Hose zu tragen. Uniform tragen ist heutzutage nicht mehr uncool. Aber es ist wichtig, dass sie wiedererkennbar bleibt – ein reger Wechsel, wie die aktuellen Kollektionen in den Kleiderläden, das geht bei Uniformen nicht.

Wir haben mit einer Grundsatzfrage begonnen, hören wir mit einer auf: Haben Uniformen heute noch die gleiche Bedeutung wie in früheren Zeiten?

Gerade in den Kreisen der Aristokratie, wo die Uniform immer schon einen zentralen, erhabenen Stellenwert hatte, hat sie für den Mann nach wie vor eine starke Bedeutung. Das erkennt man bei adeligen Zeremonien wie royalen Hochzeiten, wo der Bräutigam meist in einer edlen Uniform vor den Altar tritt. Das ist das Teil der Identität, der Geschichte, des klassischen Rollenspiels.

Doch das wohl ist nicht die ganze Wahrheit.

(lacht). Nein, denn gewisse gesellschaftliche Gruppen zelebrieren auch den klaren Bruch mit dieser doch antiquiert wirkenden Vergangenheit. Das äussert sich dann oft als bewusste, spielerische Provokation. Paradebeispiel hierfür sind Teile der Homosexuellenszene, wo in Lack, Leder und Polizeiutensilien gekleidete Männer die alten Insignien der Macht karikieren.

Katja Rost


Katja Rost ist Ordinaria für Soziologie und Privatdozentin für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Zürich. Ihre Schwerpunkte liegen im Bereich der Wirtschafts- und Organisationssoziologie, der digitalen Soziologie, sozialer Netzwerke und Diversität. Vor Ihrer Tätigkeit in Zürich lebte und arbeitete sie in Leipzig, Berlin, München, Bern, Mannheim und Jena. Katja Rost ist Mutter eines 5-jährigen Sohnes.

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