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Kein Wallfahrtsort, aber trotzdem abgefahren

Für die meditative Rubrik «Innehaltestelle» begibt sich unser Gastautor an eine Bus- oder Tramstation, hört zu oder weg, schaut hin oder her, denkt nach oder vor – und danach geht er wieder heim und schreibt das Erlebte oder Nicht-Erlebte auf. Diesmal: An der Haltestelle Im Gut.

Sonntag, 30. Mai, 11.37 Uhr, Bushaltestelle Im Gut

Wenn in Zürich jemand gefragt wird: «Und, wie gahts?», lautet eine häufige Antwort: «Ich bin grad zimmli im Seich.» Für Mundartunkundige: Die betroffene Person bringt damit zum Ausdruck, sie sei aktuell ziemlich im Stress. Oder etwas in diese Richtung. Was jene Person, die gefragt hat, in den seltensten Fällen überrascht – der Zürcher Mensch, egal ob weiblich oder männlich, ist grundsätzlich immer im Schuss, im Zeugs … ausser er liegt am Strand oder mit Burnout in der Reha-Klinik, aber das ist ein anderes Thema.

Deshalb muss ich mich nun auch nicht gross erklären oder rechtfertigen. Nein, ich bin ein Zürcher, ergo bin ich immer wieder mal «zimmli im Seich», Amen. Und in letzter Zeit war das unangenehm oft der Fall: Pandemie, Lock- und Shutdown, Homeoffice, Kulturpessimismus, Impfstoffmangel, FCZ, Klimawandel – man könnte diese Reihe mit Einflüssen und Ursachen locker verlängern, aber ich denke, das reicht.

Auf jeden Fall fand ich dann und wann, dass ein paar Tage in den Bergen schon sehr willkommen wären. Ein wenig wandern, ein bisschen kneippen, gute Luft, genug und gesund essen – danach frisch und munter zurück ins berufliche Hamsterrad. Leider Gottes reichte die Zeit nicht einmal dafür. Also habe ich begonnen, nach unkomplizierten Alternativen zu suchen. Und wer ausgepowert und müde ist, zieht halt plötzlich auch Optionen in Betracht, die er im Normalzustand mit der gleichen Verachtung verwerfen würde, wie Tinderprofis (beider Geschlechter) die Profile von Dating-Novizen (beider Geschlechter) zu verwerfen beziehungsweise wegzuwischen pflegen.

Ja, und eine solch komische Alternative ist jene Bushaltestelle, deren Name praktisch das Gegenteil von «Im Seich» bedeutet: Sie heisst nämlich «Im Gut»!

Mag sein, dass das sprachlich nicht allzu elegant klingt – «Im Hoch» zum Beispiel wäre weitaus geschmeidiger. Aber «Im Hoch» existiert nun mal nicht, «Im Gut» jedoch sehr wohl. Und zwar nicht mal in einem fernab gelegenen Stadtrandquartier wie Seebach, Schwamendingen oder Wollishofen, sondern praktisch vor meiner Haustüre, nämlich in Wiedikon.

Die unvergessliche Radio-LoRa-Sendung

Also setze ich mich ohne allzu vielen Erwartungen am Sonntag um 11.32 Uhr aufs Velo, radle los, und bereits um 11.37 Uhr habe ich den Busstopp «Im Gut» der Linien 67 und 89 erreicht und halte inne, denn das ist – nomen est omen –, nun mal das Gebot dieser Kolumne. Dazu schliesse ich die Augen und lasse die Gedanken treiben. Sie geleiten mich zur Frage, welche, welcher oder welches Gut wohl Namensgeber der Station beziehungsweise der gleichnamigen Strasse ist, an der sie liegt?

Eine historische Persönlichkeit kann es nicht gewesen sein, dafür fehlt das offizielle blaue Schild der Stadt, das Lebenszeit, Aufgabe oder Beruf der Berühmtheit nennt. Ich gehe alle Guts durch, die mir spontan in den Sinn kommen.

Ida Gut? Nein, die Strasse dürfte um einiges älter sein als die preisgekrönte Modeschöpferin. Mein alter Kumpel Roschi Gut? Noch käumlicher. Ich will ihm ja nicht unrecht tun, aber abgesehen davon, dass er mich (zu) oft im Backgammon geschlagen hat, war seine wohl grösste Leistung ever, mit einem Gerät, das auf Knopfdruck die Sprüche und Stimmen der MTV-Dumpfbacken «Beavis & Butt-Head» wiedergeben konnte und etlichen Telefonanrufen eine von Patrick Frey moderierte Radio-LoRa-Diskussionsrunde über ein «gspüriges» Befindlichkeitsthema so sehr zu irritieren, dass all die vermeintlich seelisch ausgewogenen Beteiligten komplett die Fasson verloren und wüste Beleidigungen von sich gaben (ich sass den ganzen Abend neben Roschi und hatte Lachattacken wie niemals davor und nie mehr danach). Und da wäre noch das Mineral aus dem Bünderland, dessen Slogan lautet: «S’isch guat, ds Valserwasser». Ach Quatsch, niemals.

Ich öffne die Augen und starte einen Panorama-Rundumblick. Rechterhand und noch etwas im Schatten liegend, entdecke ich das Kafi Guet, das ich wahrhaftig noch nie gesehen habe! Es ist an diesem Sonntagvormittag gut besetzt war und macht einen sympathischen und vor allem friedlichen Eindruck.

Ich lasse den Blick nach links wandern, wo sich zum Frieden nun noch die Ruhe dazu gesellt, für nicht wenige ist es sogar die ewige – hinter den Familiengärten (mit Schweizerflagge, what else?) befindet sich nämlich der Friedhof Sihlfeld. Ich zähle über den Daumen gepeilt mal rasch alles bisher Wahrgenommene zusammen – Im Gut, Frieden, Ruhe, ein Kaffee – und denke: «Klar, man muss ja nicht immer grad überdramatisieren und in Ekstase geraten, aber hey: hätte diese Haltestelle nicht fast das Zeugs zum Wallfahrtsort?»

«Im Gut» heisst auch «Im Grünen». Unweit der Haltestelle befinden sich Schebergärten und der Friedhof Sihlfeld. (Bild: Thomas Wyss)
«Im Gut» heisst auch «Im Grünen». Unweit der Haltestelle befinden sich Schebergärten und der Friedhof Sihlfeld. (Bild: Thomas Wyss)

Als der Blick das nächste Mal innehält, ist das mit dem Wallfahrtsort dann leider vom Tisch. Da ist nämlich ein Kiosk. Beziehungsweise: Dieser berühmt gewordene Kiosk, über den die Polizei am 26. Februar dieses Jahres folgende Medienmitteilung veröffentlichte:

«Kurz nach 19.00 Uhr betrat ein maskierter Mann den Kiosk an der Gutstrasse 173. Er bedrohte den anwesenden Verkäufer mit einer unbekannten Schusswaffe und verlangte nach Geld. Anschliessend flüchtete er mit mehreren hundert Franken in Richtung Hubertus. Während der Flucht des Unbekannten gab es gemäss Zeugenaussagen ein Knallgeräusch. Noch ist der Ursprung dieses Geräuschs unklar und wird durch Detektive der Stadtpolizei Zürich abgeklärt. Verletzt wurde gemäss bisherigen Erkenntnissen niemand.» Notiz ins iPhone: «Bei Polizei nachfragen, ob Knallgeräusch inzwischen geklärt.»

Als sässe ein Hobby-Cowboy auf einem störrischen Hengst

Der Blick hüpft entspannt weiter, erhascht am Horizont Umrisse der Stadtgärtnerei (unter uns: er sieht weit entfernte Dinge leider nicht mehr allzu scharf), bald danach gehts vorbei an der Coop-Filiale (wo mir ein Eistee mal den vielleicht schlimmsten Durst meiner irdischen Existenz löschte; entstanden war er, weil ich im Rekordsommer von 2017 trotz Sommergrippe mit ziemlich hohem Fieber einem alten Schulkollegen beim Zügeln helfen musste – er war eben noch schlimmer dran als ich, er hatte eine Art Bandscheibenvorfall) und von da zur Zwillingshaltestelle: Sie heisst ebenfalls «Im Gut», sieht – jedenfalls für meine kurzsichtigen Augen – absolut identisch aus, und sie liegt natürlich ebenfalls an der Gutstrasse.

Das ist der passende Moment für die Wiederholung jener Frage, die weiter oben im Text in etwas anderen Worten schon einmal gestellt wurde, jedoch unbeantwortet blieb: Wieso heisst die Gutstrasse eigentlich Gutstrasse? Diesmal zielt die Frage allerdings nicht auf die Namensurheberschaft ab, es geht vielmehr um den Qualitätszustand. Unverblümt gesagt: Auf diversen abgefahrenen und steinigen Feldwegen holpert und rüttelt es erheblich weniger als auf dieser wichtigen Verbindungsachse! Mit einem zeitgemäss gefederten Personenwagen oder VBZ-Bus ist das ja noch auszuhalten, aber mit einer Vespa Baujahr 1961 fühlt sich das Cruisen auf dem miserablen Belag der Gutstrasse an, als würde ein Hobby-Cowboy versuchen, einen störrischen Hengst zuzureiten. Oder so.

In der Hoffnung, dass das zuständige städtische Amt hier mitliest, verlassen die Augen nun diese Strasse Richtung Trottoir – und landen wieder da, wo der Rundumblick begonnen hat, nämlich im Kafi Guet.

Im «Kafi Guet» gibt's erst mal en guete Kafi. (Bild: Thomas Wyss)
Im «Kafi Guet» gibt's erst mal en guete Kafi. (Bild: Thomas Wyss)

Es ist noch immer gut gefüllt, und es liegt immer noch im Morgenschatten. Irgendwo logo, es sind ja auch erst vier Minuten vergangen, das iPhone zeigt 11.41 Uhr. Und doch fühle ich mich frischer und munterer als bei der Ankunft. Also – ja, das muss jetzt einach sein – grad echt nicht mehr im Seich, sondern geerdet und gemittet.

Das erste Fazit (die Langzeitwirkungen sind natürlich noch nicht abzusehen): Das war einer der der besten Innehalte, seit es diese Kolumne gibt! Ich werde nun bestimmt öfters herkommen. Das Kafi und den Kiosk abchecken, im Friedhof Ruhe suchen. Einfach Im Gut sein.

 

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