Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzerklärung

«Die ersten Tage fühlten sich spitzenmässig an»

«Wo wir fahren, lebt Zürich»: Unser Versprechen gilt in guten Zeiten und auch in diesen. Zürich lebt, auch wenn es gerade etwas aus dem Takt gekommen ist. Darüber, wie es unserer Stadt und ihnen so geht, erzählen Zürcherinnen und Zürcher gemeinsam mit uns in der Serie #sogahtsZüri. Heute erfahren wir, wie Gian Baumgartner, Sechstklässler, daheim etwas anderes lernte, als er ursprünglich dachte.

Die Schule geschlossen. Ein Schülertraum? Ja, aber ein Kurzer. Ich hätte nie im Leben daran geglaubt, dass ich mir einmal nichts sehnlicher wünsche würde, als so schnell wie möglich wieder in die Schule gehen zu dürfen. So endet der Aufsatz eines Sechstklässlers. Doch der Reihe nach.

«Hey! Teachers! Leave them kids alone!» Pink Floyd besangen in «The Wall» den Traum vieler Schülerinnen und Schüler. Auch Gian Baumgartner freute sich, als seine Schule die Pforten schloss. Der Zwölfjährige geht in die 6. Klasse in Zürich-Höngg, nach den Sommerferien wechselt der aufgeweckte Jugendliche ans Gymnasium. Für vbzonline hat er seine Gedanken zur Coronakrise in einen Aufsatz gepackt.

Gian erinnert sich lebhaft an den Tag, der sein Leben von heute auf morgen änderte. Er war zu Besuch bei seinem Freund Juan.

Wir machten gefühlte hundert Freudensprünge

Gian beschreibt den Moment des Lockdowns so: «Wahrscheinlich hörte in diesen Minuten die ganze Schule dem Bundesrat zu. Es war mäuschenstill. Wir warteten alle auf den Satz, der entschied, ob die Schulen offenbleiben oder nicht. Schliesslich gab einer der Bundesräte die entscheidende Antwort. Er verkündete: ‹Die Schulen werden ab sofort geschlossen.› Ich und Juan machten gefühlte hundert Freudensprünge.»

Doch der spitzbübischen Freude folgte schon bald die Ernüchterung. Nichts da mit Dolce far niente.

«Die ersten Tage fühlten sich zwar spitzenmässig an, doch als die Lehrer dann auf die Idee kamen, uns Hausaufgaben nach Hause zu schicken, mussten wir alle unsere Bücher von der Schule nach Hause holen. Nachdem ich alles zuhause eingerichtet hatte, bombardierten die Lehrer uns mit Hausaufgaben.»

Die Freude währte nur so lange, bis das Homeschooling per Bildschirm ins Zimmer flatterte.
Die Freude währte nur so lange, bis das Homeschooling per Bildschirm ins Zimmer flatterte.

Schon bald sollte Homeschooling den Alltag des Zwölfjährigen bestimmen. Und weil auch seine Eltern meist zuhause im Home Office sind, wird darauf geachtet, dass auch im heimischen Familienbüro seriös gebüffelt wird. Seine Eltern seien diesbezüglich schon ziemlich streng, eher sogar noch strenger als die Lehrer, seufzt Gian.

Kochen ist hundertmal spannender als Basteln

Trotzdem hat die – halbwegs – schulfreie Zeit natürlich auch ihre Vorteile. Ausschlafen gehört ebenso dazu wie das Entdecken bislang ungekannter Talente.

«Ich stehe jeweils um 8.15 Uhr auf, esse Frühstück, putze gründlich meine Zähne und mache mich bereit fürs Lernen. Vormittags lerne ich immer volle drei Stunden. Dazwischen unterbreche ich jeweils kurz, um mit meiner Mutter fürs Mittagessen einkaufen zu gehen. Um zwölf Uhr zeigt mir meine Mutter jeden Tag ein neues Gericht. Wir kochen es immer zusammen. Ich finde das gemeinsame Kochen hundertmal spannender als jede Bastelstunde in der Schule. In dieser schulfreien Zeit habe ich bereits viele feine Rezepte gelernt, wie zum Beispiel: Riz Casimir, selbstgemachte Ravioli, Spaghetti Bolognese, Gemüsegratins, Pizza und allerlei Gemüsesuppen. Meine Mutter hat mir sogar beigebracht, wie man einen Zopfteig knetet und ihn nach dem Aufgehen flechten muss.»

Nach dem Mittagessen stehen dann eine oder zwei Folgen Netflix auf dem Programm, meist zusammen mit seinem Vater. «Danach geht’s dann wieder an die Arbeit», schreibt Gian: «Das heisst, ich muss mit meinem Wochenplan fortfahren. Die Abende verbringe ich dann mit spielen. Wir spielen meistens Tischtennis und danach verbringe ich die Zeit mit meiner Play-Station. Meine persönliche Meinung ist: Zuhause ist es viel schwieriger sich zu konzentrieren als in der Schule.»

Skype und WhatsApp statt Bolzplatz

Weil der persönliche Austausch auf ein Mindestmass beschränkt wurde, dreht sich auch bei Familie Baumgartner fast alles um den virtuellen Austausch. Für Gian ersetzen die digitalen Helferlein die Treffen mit seinen Freunden nicht.

«Das Unangenehmste an diesem Virus finde ich, dass man seine Freunde nicht sehen kann, ausser bei Skype. Leider ist das irgendwie aber nicht dasselbe. Zum Glück haben so gut wie alle meine Freunde WhatsApp, damit ich mich mit ihnen unterhalten kann. Was mich besonders nervt an der jetzigen Zeit ist, dass alle immer das Gefühl haben, dass wir jetzt bald sterben werden. Ausserdem bringt es mich auf die Palme, dass man fast keinen Sport mehr machen kann. Insbesondere vermisse ich es extrem, mit Freunden abmachen zu können und mit ihnen Fussball zu spielen.»

Virtuelle Spielzüge und Tischtennis

Die fussballlose Zeit trifft den Sportbegeisterten hart. Der begabten Nummer 7 der Da-Junioren des FC Höngg fehlen das Training und die Spiele am Wochenende. Da ist auch die Playstation kein vollwertiger Ersatz, aber immerhin: Mit dem FIFA-Game kann sich der glühende Fan des FC Barcelona wenigstens virtuell mit seinen Freunden messen. An guten Tagen gewinne er sogar.

Auch Gian ist jetzt online sportlich aktiv.
Auch Gian ist jetzt online sportlich aktiv.

Doch Bewegung kommt trotz dem «Bliib dihei» Motto nicht zu kurz: «Glücklicherweise wohnen wir in einem grossen Haus mit Balkon und Garten sowie einem Tischtennistisch und einem Trampolin, das ist wirklich die Rettung in dieser seltsamen, ungewohnten Zeit.»

Täglich fordert Gian seinen Eltern beim Tischtennis heraus. Er weiss, dass er privilegiert ist und ist dankbar dafür. Gian sinniert: «Ich könnte mir gar nicht vorstellen wie es wäre, in einem Haus zu wohnen, welches weder Balkon noch Garten hat, sodass man gezwungen wäre, ständig drinnen zu bleiben.»

Die Bewegung kommt trotz allem nicht zu kurz. Zum Glück hat die Familie einen Ping-Pong-Tisch.
Die Bewegung kommt trotz allem nicht zu kurz. Zum Glück hat die Familie einen Ping-Pong-Tisch.

Und jetzt?

Die anfängliche Euphorie über den Unterbruch des Schulbetriebs ist rasch der Ernüchterung gewichen. «Das einzige, was ich an diesem Virus toll finde, ist, dass ich länger aufbleiben und länger schlafen kann», schreibt er. Wie die ganze Schweiz hofft er auf ein baldiges Ende oder wenigstens eine Lockerung des Lockdowns und wüscht sich seinen gewohnten Alltag zurück. Sein Aufsatz schliesst denn auch mit diesen Worten:


Noch mehr Geschichten darüber, wie es den Zürcherinnen und Zürchern in diesen Zeiten geht, gibt’s unter #sogahtsZüri. Wer selber Teil von #sogahtsZüri sein möchte, kann unter vbz.ch/sogahtszueri mitmachen. 

 

 

Weitere Artikel