Kindheitserinnerungen, die Liebe zum Züri-Tram und sein Bruder haben Modellbauer Martin Jaberg kleine Kunstwerke erschaffen lassen. Er hat uns die beiden Oldtimer-Trams präsentiert und gemeinsam mit seinem Bruder erzählt, wie es dazu kam und was sie als Nächstes planen.
Oldtimer-Trams sind ein Herzöffner. Leise knirschend in den Kurven, mit etwas hölzernem Charme und liebevoll gestalteten Details wecken sie Nostalgie und lassen an die guten alten Zeiten denken (selbst wenn die gar nicht immer sooo gut waren). Jedenfalls, je kleiner der Oldtimer, desto grösser der «Jöh-Effekt».
Herzig klein sind die beiden Exemplare, die unlängst ihren Weg in die Zentralwerkstatt der VBZ gefunden haben: Ein 13er-Tram des Typs «Pedaler» (im Fachjargon: ein Be 4/4) und ein sogenannter «Elefant» der Linie 6. Die beiden Oldtimer, im Massstab 1:25, sind Unikate, ein Modell-Bausatz existiert nicht. Der «Heimwehzürcher» Martin Jaberg hat sie von Grund auf erschaffen, nachdem ihn sein Bruder Ernst dazu angestiftet hatte. Mehr darüber haben uns die beiden während eines Gesprächs erzählt.
Jede Menge Kindheitserinnerungen, Material und Motivation
Als Modellbauer hat Martin Jaberg Erfahrung, und zwar schon seit Kindesbeinen. Was er nicht alles gebaut hat! Modellflugzeuge, Kugelbahnen, Weihnachtskrippen und natürlich auch Trams. Für die Schienenfahrzeuge verwendete er jahrelang Bausätze der Marke OcCre – eine Basis, die er vor allem auch Anfängern empfehlen könne. Der Modellbau sei ein tolles, (ent)spannendes Hobby, bei dem man schnell ein Ergebnis sehe. Es berge indes eine gewisse Suchtgefahr: «Der Ehrgeiz, immer genauer zu werden, ist schnell geweckt», verrät der 67-jährige. Und man benötige ziemlich viel Material: «Dutzende Farben, Leim, Schneideplatten.»
Ernst Jaberg betreibt als gelernter Grafiker selber keinen Modellbau, er erschafft Skulpturen, Illustrationen und Zeichnungen. Die beiden kreativen Brüder spornen sich gegenseitig an. Sie scheinen nicht nur Geschwister zu sein, sondern ebenso beste Freunde. Ein eingespieltes Team. Innig. Lebensfroh. Es mag auch am Zusammenhalt in der Grossfamilie liegen, immerhin dürfen sich die Jabergs über je vier Enkel freuen: «Das hat uns jung gehalten», sind sie sich einig.

Vor zwei Jahren also meinte Ernst Jaberg zu seinem Bruder Martin: «Hör mal, wir sind doch quasi Zürcher geworden. Es wäre an der Zeit, dass du ein Züri-Tram baust.» Den Einwand, es gebe für die Zürcher Tramtypen keinerlei Bausätze, liess er nicht gelten: «Dann baust du das Tram eben komplett selbst». Das Zürcher Tram habe für beiden Geschwister, die in Oberengstringen beim Frankental aufgewachsen seien, nämlich eine tiefere Bedeutung: «Wir verbinden mit der Linie 13 sehr viele schöne Kindheitserinnerungen, wie etwa die Fahrten quer durch die Stadt ans Knabenschiessen», erzählt Martin Jaberg. Sein Bruder Ernst erinnert sich an einen Umstand, der heutzutage besonders skurril anmutet: «Damals diente der Anhänger als Raucherabteil. Neben jedem Sitz gab es einen kleinen Aschenbecher», erinnert er sich halb lachend, halb kopfschüttelnd. «Und im Winter, wenn die Türe aufging, sahen wir erst mal eine Rauchschwade, die dem Fahrzeug entwich», ergänzt Martin Jaberg grinsend.
Nachdem der Plan gefasst war, das Tram zu bauen, hätten die beiden bei einem Besuch im Tram-Museum ein Buch gefunden, das einige rudimentäre Pläne enthalten habe. Auf deren Basis habe Martin Jaberg das erste Oldtimer-Tram, ein Sächsitram des Typs «Elefant» gebaut und sich im Anschluss als nächste Herausforderung an den «Pedaler» der Linie 13 mit Anhänger gewagt.




Mit Improvisationstalent zu einem Trammodell mit Persönlichkeit
Der fehlende Bausatz und die fragmentarische Vermassung auf den Plänen erforderte ein gewisses Improvisationstalent: «Vieles haben wir uns aus der Erinnerung zusammengereimt. Ich bin keiner, der hingeht und Tausende Fotos macht», gesteht Martin Jaberg. Vielmehr ist er ein Macher, einer, der die Ärmel hochkrempelt und loslegt. «Wir mussten umskizzieren, umrechnen, vergrössern und verkleinern.» Mit dem Resultat, dass die Trams nicht mit Exaktheit, dafür mit umso mehr Charakter verzaubern. Denn darin liegt der Reiz der beiden Modelle: «Ein perfektes Werk lebt nicht. Meine Fahrzeuge brauchen Gebrauchsspuren. Auch die kleinen Details machen es aus, wie beispielsweise diese Lederbändel an den Sitzen», sagt der Modellbauer, und deutet auf das kleine, etwas schiefe Fenster des Pedaler. Auch punkto Material war Kreativität gefragt, wie uns der Tüftler verrät. Er zeigt lachend auf die Anhänger-Kupplung des Trams: «Hier musste eine Duschstange dran glauben.» Was steht als Nächstes an? «Mein Traum wäre es, ein Modell vom Märli-Tram zu bauen», verrät Martin Jaberg. Sein Bruder Ernst ist zuversichtlich: «Hat man es erst einmal geschafft, ein Modell auch ohne bestehende Bausätze zu bauen, lässt sich das verwirklichen, was man wirklich möchte», sagt er mit so viel Enthusiasmus, dass klar wird: Er fiebert mit. Auf die Frage, welches Märli-Tram denn umgesetzt werden soll – es gibt ja seit kurzem eine Frühlingsvariante –, antworten die beiden fast im Chor: «Das Züri Märli-Tram natürlich!» Das sehe sicher toll aus, mit all den Lämpchen, schwärmt Ernst Jaberg: «Ich werde Martin solange anschubsen, bis er sagt, ‹also gut, ich machs.›» Wir nehmen das als Versprechen.


