Ein Lächeln gegen die Ausgrenzung – die Eroberung der Tramlinie 2

Für einige Tramlinien ist mit dem Fahrplanwechsel Ende 2025 eine neue Zeit angebrochen. Und damit auch für die Menschen, die sich an «ihre» Linie gewöhnt haben und Erinnerungen mit ihr verbinden. Im Rahmen eines Wettbewerbs haben Frauen und Männer jeden Alters ihre Geschichten rund um ihre Lieblingslinie mit uns geteilt. Lesen Sie hier die heiteren, nachdenklichen und berührenden Andenken an die «ursprünglichen» Linien 2, 4, 5, 8 und 11. Heute erzählt Alex Oberholzer, was ihn mit der Linie 2 verbindet.

Heute Morgen wurde er angeliefert. Klein, handlich, beweglich. Fast ein kleines Schmuckstück. Das also war er, mein neuer Rollstuhl, meine neuen Beine. Der alte war gross, klobig und unpraktisch, ein Panzer. Überall stand oder besser sass ich damit im Weg. Mit dem neuen wollte ich und sollte sich das ändern. Darum hab ich ihn gekauft.

Ich war so erfreut über dieses neue Schmuckstück, dass ich gleich mit ihm auf Pirsch ging. Zuerst dem Flur entlang zur Haustüre, dann über den Hof aufs Trottoir. Hier schon die erste Herausforderung. Die Steuerung über den Joystick ging viel leichter als beim alten Modell Panzer. Also musste ich mich ziemlich konzentrieren, den Gehsteig erstens zu treffen und zweitens dann auch darauf zu bleiben.

Es gelang – und so wurde ich immer mutiger, wagte die erste Abschrägung hinunter auf die Strasse. Was für Menschen zu Fuss ein kleiner Hüpfer oder ein nichtmal bemerkter Schritt ist, das bedarf für einen Rollstuhlfahrer ziemlichen Mut. Aber es glückte. Ich überquerte die Strasse, ohne zu kippen, steuerte auf der anderen Seite schon etwas forscher wieder hinauf aufs Trottoir. Langsam gings zur Kür, von der geteerten Strasse ein kleiner Abstecher hinaus auf den Kiesweg, sogar eine kurze Kurvenfahrt ab auf die Wiese. Alles klappte tadellos.

Vollgepumpt mit Freude und Mut überkam mich ein verwegener Gedanke. Soll ich damit die VBZ testen? Soll ich es wieder mal wagen, nach all den negativen Erfahrungen, die zwar schon Jahre zurückliegen, die mir aber noch immer traumatisch nachhingen?

Doch doch, der neue Rollstuhl machte mir Mut, ich wollte es wissen. Schon recht vertraut mit dem neuen Modell fuhr ich vom Dunkelhölzli runter zum Farbhof. Natürlich hätte ich hier schon den Bus nehmen können, aber ich wollte erstens das Handling mit dem neuen Gerät etwas üben, und zweitens ist für mich als Altstetter seit jeher die mit Abstand wichtigste VBZ-Linie die Tram Nummer 2. Also sollte der Test auch auf deren Strecke stattfinden.

Am Farbhof angekommen überlegte ich, Richtung Zentrum oder hinaus nach Schlieren? Ich dachte, für einen Test ist Schlieren besser, da hat es weniger Menschenmassen und ich mach erst noch Bekanntschaft mit einem neuen Quartier. Also wechselte ich die Strassenseite und wartete auf die ankommende 2.

Schon von weitem sah ich, es naht eine alte Komposition – kein Niederflur. Mit dem Rollstuhl keine Chance einzusteigen, da kann er noch so klein und wendig sein. Das alte Trauma flutete wieder mein Gehirn. Das Tram fuhr ein, ich versuchte mich so klein wie möglich zu machen, um niemandem im Weg zu sitzen. Meine Gedanken kreisten wieder rund um das traurige Thema Inklusion und die Schwierigkeiten, diese in einigermassen vernünftigem Zeitraum umzusetzen.

Vor 20 Jahren wurde der SBB aufgetragen, zugänglich zu werden für Menschen mit Behinderung. Erst kürzlich beantragten sie für die Umsetzung weitere 20 Jahre. Auch mit der VBZ ging es nur schleppend voran, und immer, wenn ich ein Tram oder einen Bus brauchte, klappte es aus irgendeinem Grunde nicht oder erst nach längerem warten. Darum habe ich es damals aufgegeben.

Heute jetzt wagte ich aus Übermut und der Freude über den neuen Rolli einen zweiten Versuch, aber offenbar ist es noch immer nicht besser. Ich weiss ja seit langem, kaum gehe ich über die Grenze ins benachbarte Ausland, verbessert sich die Situation für Menschen im Rollstuhl schlagartig. Was Zugänglichkeit anbelangt, ist die Schweiz noch immer ein Entwicklungsland, in den Köpfen, im öffentlichen Verkehr und erst recht in der gebauten Welt.

Zwar verbessert sich vieles, aber Zugänglichkeit ist erst, wenn man sich auch darauf verlassen kann. Im Bestreben, alles gründlich und perfekt zu machen, passiert viel zu lange nichts. Also nichts zu machen – aufs nächste Tram warten.

Mitten in diese Gedanken plötzlich eine Stimme: „Wollen Sie in dieses Tram?“ Die Uniform zeigts klar, es ist der Tramführer. Ich bin total erstaunt und sage: „Überaus gern, aber ich kann ja nicht.“ Freundlich lächelnd meint er: „Doch doch, hier entlang….“ und zeigt mir den Weg.

Ich traute meinen Augen nicht. Der Tramzug war ziemlich lang, aber genau in der Mitte war eine sogenannte Sänfte angebracht, welche es mir erlaubte, stufenlos und bequem mit dem Rollstuhl hineinzufahren.

Der Chauffeur hätte auch einfach weiterfahren können. Aber nein, er realisierte, dass ich diesen etwas versteckten Einstieg übersehen hatte, nahm sich die Mühe auszusteigen und hat mich auf die Möglichkeit aufmerksam gemacht mitzufahren.

Die positiven Gefühle vom Morgen waren schlagartig zurück. Und mir war klar, dass die VBZ ab sofort eine zweite Chance erhalten.

An jenem Morgen hat sich dank dem neuen schnittigen Rollstuhl nicht nur meine kleinräumige individuelle Mobilität verbessert, sondern dank der Tramlinie 2 auch der Zugang zur Stadt und zur Gesellschaft – und damit zum Leben.

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