Für einige Tramlinien ist mit dem Fahrplanwechsel Ende 2025 eine neue Zeit angebrochen. Und damit auch für die Menschen, die sich an «ihre» Linie gewöhnt haben und Erinnerungen mit ihr verbinden. Im Rahmen eines Wettbewerbs haben Frauen und Männer jeden Alters ihre Geschichten rund um ihre Lieblingslinie mit uns geteilt. Lesen Sie hier die heiteren, nachdenklichen und berührenden Andenken an die «ursprünglichen» Linien 2, 4, 5, 8 und 11. Heute erzählt Philippe Crameri, was ihn mit der Linie 5 verbindet.
Es war das Jahr 1992, als ich vom zehnten Schuljahr der Juventus-Schule Zürich an die Kantonsschule Enge wechselte. Ich wohnte damals noch im Aargau – ein Sonderling! Mein damaliger Tischnachbar im Klassenzimmer war ebenfalls einer und ist bis heute ein treuer Wegbegleiter und Freund geblieben.
Meist sass ich zu Beginn des Schultages allein in der Schulbank. Mein Freund wohnte in der Nähe der Kirche Fluntern, wo er auch einstieg. Er setzte sich in das Tram der Linie 5, das sich ruhig talwärts Richtung Stadt bewegte – und meinen Freund erneut in einen tiefen Schlaf wiegte. Er schlief regelmässig ein. Und er schlief tief. Es ging am Kunsthaus und am Bellevue vorbei bis zum Bahnhof Enge, wo er weiter döste, und wieder zurück, hoch Richtung Fluntern. So drehte er ungewollt ganze Runden und kam regelmässig zu spät. Sein häufiges Fernbleiben brachte ihn gefährlich nahe an den Rauswurf von der Schule.
Ich wurde aktiv und startete meinen Schultag neu mit ruhigen Minuten des Wartens am Bahnhof Enge. Ich wartete, bis das Tram um die Ecke kurvte und hielt. In diesen frühen Morgenstunden wurde der Bahnhof Enge zu einem vertrauten Verbündeten. Besonders in den kalten Wintermonaten hatte dieser Ort etwas Besonderes: die ein- und abfahrenden Trams mit beschlagenen Fenstern. Und dann ging es jeweils schnell. Ich stellte sicher, dass mein Freund rechtzeitig ausstieg und wir starteten gemeinsam in den Schultag.
Präsent im Unterricht war er ein guter Schüler, von dem ich profitierte. Ich hatte Mühe, mir während des Unterrichts Notizen zu machen, und wenn ich es tat, konnte ich meine eigene Schrift kaum lesen. Er hingegen hielt den Schulstoff mit angenehmer Schrift zuverlässig fest. Ich durfte seine Unterlagen kopieren und damit lernen. So ergänzten wir uns wunderbar. Wo er Verlässlichkeit brauchte, war ich da. Wo ich Struktur brauchte, brachte er sie ein. So trugen wir uns durch die Jahre – Tram für Tram, Tag für Tag, Prüfung für Prüfung.
Wir absolvierten gemeinsam erfolgreich die Matura und wurden erwachsen. Ich blieb der Enge viele Jahre lang verbunden. Dreimal bin ich umgezogen, bin dabei stets im Kreis 2 geblieben. Die Tramlinie 5 blieb noch viele Jahre Teil meines Alltags.
Unsere Leben haben sich seitdem verändert, doch die Freundschaft ist geblieben – ebenso die Erinnerung an die Tramlinie 5, die unsere Freundschaft zwischen der Kirche-Fluntern und dem Bahnhof Enge auf besondere Weise verbunden hat.
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