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Ein Coup der Ungarn führt zur unerwarteten Wende

Auch vbzonline spielt die EM 2021 durch – allerdings nicht auf dem grünen Rasen, sondern auf Strassen und Schienen: Wir lassen nämlich den ÖV der insgesamt 11 Austragungsorte gegeneinander antreten! Ein Jux? Ja, aber einer, bei dem einiges zu lernen ist. Das heutige Duell: London gegen Budapest.

Willkommen zu einem weiteren Spiel an dieser verblüffend spannenden und vor allem verblüffend ausgeglichenen Europameisterschaft des öffentlichen Verkehrs – tatsächlich endeten zwei der vier bisherigen Duelle unentschieden, bei St. Petersburg gegen Bukarest ging es sehr eng zu und her, und nur Rom liess Sevilla nicht den Hauch einer Chance.

Einen ähnlich eindeutigen Ausgang erwarten die Experten auch heute. London ist ein Top-Favorit dieser ÖV-Euro: Immerhin ist die «Tube» neben der New York City Subway die bekannteste Untergrundbahn der Welt. Und abgesehen davon die älteste!

Sie wurde 1863 lanciert, inzwischen erstreckt sich ihr Netz über 400 Kilometer, dem 270 Stationen angeschlossen sind, und das von elf Linien bedient wird. Täglich werden ab fünf Uhr morgens bis Mitternacht rund fünf Millionen Fahrgäste transportiert. All das sind Zahlen eines Superlativs, der fast noch eindrücklicher ist als der Paradesturm der Franzosen um Mbappé, Griezmann und Benzema bei dieser anderen Euro mit den Bällen.

Anyway. Jedenfalls nimmt sich das Angebot, mit dem Budapest dagegen halten will, arg bescheiden aus: Es sind vier U-Bahn-Linien. Statt wie in London, wo sie Namen tragen wie «Northern Line», «Circle Line» oder «Piccadilly Line», heissen sie profan M1, M2, M3 und M4. Jahrzehntelang gab es nur die 1896 erbaute M1, erst 1970 kam dann die M2 dazu, die M3 sechs Jahre später, und die M4 existiert gar erst seit 2014.

Der ungarische Coach – es ist übrigens Prof. Dr. László Palkovics, er wirkt hauptamtlich als Minister für Innovation und Technologie – moniert, die Linie M1 heisse im Volksmund auch noch «Földalatti», und das klinge mindestens so schön wie «Nor …», der Rest des Satzes geht im zischenden Geräusch unter, mit dem die «Tube» auf den ungarischen Strafraum zurast und mit einem eleganten Tiki-Taka-Move – die «Central Line» und die «Victoria Line» tauschen zur Verwirrung der ungarischen Defensive spontan ein paar Stationen aus – prächtig 1:0 in Führung geht.

Senioren vs. Jugendliche

Kaum hat sich Budapest wieder sortiert, rollt schon der nächste Angriff heran. Diesmal attackiert London mit den berühmten Doppelstockbussen, einem DER Wahrzeichen der englischen Hauptstadt, in dem jede Fahrt zu einer Art Sightseeing-Tour wird. Und erst die Zahlen: Mehr als 8000 Busse bedienen mehr als 700 Strecken im Nahverkehrsnetz – und jährlich mehr als 1,8 Milliarden (!) Fahrgäste.

Und Budapest? Die nicht so flotte Bus- und Trolleyflotte – die blauen Fahrzeuge sehen offenbar in den Augen vieler Touristen aus, als würden sie noch aus der Zeit des Eisernen Vorhangs stammen – bedient gerade einmal 250 Stationen, und da meist nur bis 21 Uhr abends. Die Ungarn wirken wie paralysiert, und bevor sie wissen, wie ihnen geschieht, haben die Londoner Busse auf 2:0 erhöht.

Trainer Palkovics reklamiert beim Schiedsrichter, es sei bei diesem Tor nicht berücksichtigt worden, dass für EU-Bürger über 65 die Benützung des ÖV in Budapest kostenlos sei. Der deutsche Unparteiische entgegnet, dafür würden Kinder und Jugendliche bis 15 in Londons Bussen gratis fahren, und jungen Menschen so den Gebrauch des ÖV schmackhaft zu machen, sei zukunftsweisend, damit sei die Diskussion beendet.

Durchaus möglich, dass da noch ein gewisser Ärger über die Regierung von Ministerpräsident Viktor Orbán und das letztlich wegen ihm veranstaltete Theater rund um die Regenbogen-Beleuchtung der Münchner Allianz-Arena mitspielt.

Fast schon verzweifelt versucht Budapest direkt nach dem Wiederanspiel einen schnell vorgetragenen Angriff über links durch seine S-Bahn HÉV, es sieht lange vielversprechend aus … doch Londons eigene S-Bahn namens Overground Trains arbeitet in der Defensive souverän und leitet einen brillant gespielten Konter ein, der durch die Hochbahn Docklands Light Railway (welche die im Osten der Stadt gelegene ehemaligen Hafencity Isle of Dogs mit dem Zentrum verbindet) abgeschlossen wird. Es steht 3:0.

Die «Warnung» des ETH-Professors

Die meisten Experten in den weltweiten TV-Studios sind sich in ihren Halbzeitanalysen einig: Diesen Sieg lässt sich ein routiniertes ÖV-Team wie England nicht mehr nehmen. Allerdings mahnt der im SRF-Studio live aus der ETH Zürich zugeschaltete Ulrich Weidmann, seines Zeichens Professor für Verkehrssysteme, wer Ungarn Coach Palkovics kenne, wisse: Der Taktikfuchs habe schon oft aussichtlos wirkende Rückstände noch zu drehen vermocht, bei ihm müsse man auf vieles gefasst sein.

Weidmann sollte recht behalten. Allerdings hat wohl nicht mal er mit einem solch unfassbaren Kniff gerechnet: Palkovics schickt wahrhaftig all die sonst gelben Strassenbahnlinien im regenbogenfarbenen (!) Anstrich aufs Feld! Und London weiss nicht, wie ihm geschieht.

Schon rollen die Budapester Trams gemütlich in Richtung des englischen Tors und erzielen problemlos den Anschlusstreffer zum 1:3; Gegenwehr gibt es nicht, London hat keine Trams. Kaum ist wieder angepfiffen, sind die bunten Schienenfahrzeuge schon wieder in der Vorwärtsbewegung. Diesmal angeführt von der Linie 2, die von der amerikanischen Zeitschrift National Geographic mit dem Titel «schönste Strassenbahnlinie Europas» gewürdigt wurde. Zu Recht, muss man sagen: Sie verläuft entlang der Donau und ermöglicht einen einzigartigen Blick auf die Buda Burg. Nach einer eleganten Schleife gelingt der Anschlusstreffer, es steht nur noch 2:3.

London ist noch immer komplett von der Rolle. Umso mehr, als auch die Stimmung im Stadion zu kippen beginnt. Erst war das grossmehrheitlich britische Publikum offenbar skeptisch, ob das sehr eindrücklich wirkende Bekenntnis zur LGTBQ-Gemeinde ernst gemeint ist, schliesslich kam es ja von László Palkovics, und der ist nach wie vor ein Kabinettsmitleid der homophoben Regierung von Viktor Orbán.

Doch weil der Coach im Werkstattraum von seinem Technik-Staff nun auch noch die Budapester Busse und alle U-Bahn-Wagen in Regenbogenfarben kolorieren lässt, akzeptieren die Fans die Ernsthaftigkeit der Geste, mit Sprechchören und frenetischem Applaus wird der eher durchschnittliche osteuropäische ÖV gefeiert, derweil die Fahrzeuge des modernen Londoner Public Transport wie begossene Pudel im Regen stehen. Budapest nutzt das gnadenlos aus, fährt einen nächsten Strassenbahn-Angriff, und schon steht es 3:3.

Palkovics beantragt politisches Asyl

Noch bleiben zehn Minuten zu spielen, und endlich reagiert das Londoner Trainer-Team und wechselt die Wasserbusse sowie die anlässlich der Olympischen Sommerspiele 2012 erbaute Seilbahn Emirates Air Line ein, welche die Halbinsel Greenwich mit den Royal Docks verbindet und auf der zehnminütigen Fahrt einen tollen Blick auf die Themse ermöglicht.

Doch gerade die Einwechslung der Seilbahn bleibt wirkungslos, denn nun steht auch das Pendant aus Budapest auf dem Feld, das es Fahrgästen ermöglicht, binnen Minuten vom Clark Ádam Tér-Platz aus das Schlossviertel zu erreichen.

Der letzte Angriff Londons bleibt in der vielrädrigen ungarischen Verteidigung hängen, der deutsche Schiedsrichter pfeift ab, es bleibt beim überraschenden, ja gar sensationellen 3:3.

Wir verabschieden uns und wünschen … ach Moment. Aha, doch, das möchten wir Ihnen nicht vorenthalten, lieber ÖV-Euro-Fans: Wir haben von unseren Reporterkollegen am Spielfeldrand eben erfahren, dass László Palkovics bei der englischen Regierung politisches Asyl beantragt hat – wohl auch im Wissen, dass seine verwegene LGBTQ-Aktion in der Heimat nicht goutiert wurde. Das wärs nun endgültig, wir wünschen einen schönen Abend.

 

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