Nach einem Stadtfest oder Konzert möchten alle schnell nach Hause. Das geht nur, wenn der ÖV effizient organisiert ist. Heinz Reichlin hat diese Organisation vor Ort rund um Grossanlässe auf ein neues Niveau gehoben. Per Ende Jahr wird er nun pensioniert und blickt zurück.
48’000 Fahrgäste in einer Stunde: So viele Personen kann die VBZ nach einem Grossanlass – wie einem Konzert im Letzigrund – auf den Heimweg bringen. Diese Leistung ist auch und vor allem ein Verdienst von Heinz Reichlin.
Der heutige Chef von sechs Mitarbeitenden war in vier Jahrzehnten – seit 1986 – bei den VBZ als Busfahrer, Kundenberater, Trampilot und Serviceleiter tätig – ein optimales Fundament für einen ausgewiesenen ÖV-Profi. Sein Markenzeichen sei aber seine organisatorische Präzision, heisst es über den gelernten Koch.
Als ehemaliger Küchenchef des Kunsthauses Zürich traf er vor über 40 Jahren, in seinen Zwanzigern, in einem hektischen Umfeld schnelle und präzise Entscheidungen. «Ich organisierte damals mit einem 8-köpfigen Team Bankette für bis zu 450 Personen», erinnert er sich. In der Gastronomie ist das ein Grossanlass.
Immer am Puls der Stadt
Grossanlässe blieben auch bei den VBZ sein Metier. Im Jahr 1988 wechselte er vom Fahrdienst ins Ereignismanagement. Nach 12 Jahren als Kundenberater und Serviceleiter wurde er stellvertretender Leiter Netz und übernahm die operative Leitung der Dolderbahn. Als Leiter «Planung und Organisation» ist er für alles verantwortlich, was bei Grossveranstaltungen vor Ort notwendig ist: Die Einsatzplanung der Kundenberaterinnen, Serviceleiter und Einsatzleiterinnen und die Umsetzung in Absprache mit der Leitstelle, Projektleitenden, den städtischen Behörden, Blaulichtorganisationen und Veranstaltern. Die Vernetzung ist essenziell. Sein Credo, um die richtigen Entscheidungen treffen zu können, lautet: «Wichtig ist, dass man die Zusammenhänge kennt.»
Diese Entscheidungen führten ihn auch bis zum Dolder: Als operativer Leiter der Dolderbahn – gewissermassen sein Zweitjob – trieb er viele Projekt voran, unter anderem brachte er mit seinem Team im August 2024 die beiden neuen Dolderbahn-Wagen auf die Strecke. «Eine sehr spannende und lehrreiche Erfahrung», wie er betont.

Als Einsatzleiter fehlte Reichlin an fast keinem Anlass – stets in professioneller Mission versteht sich. Zu seinen Highlights zählen grosse Veranstaltungen, bei denen er und sein Team für eine reibungslose An- und Abreise der Besucher sorgten. Dazu gehörten die Euro 08, die Frauen-Fussball-Europameisterschaft, zahlreiche «Züri-Fäschter», Open-Air-Konzerte mit bis zu 48’000 Personen und Sportveranstaltungen mit etwa 25’000 Personen. Eine grosse Herausforderung sei die gleichzeitige Bewältigung von Knabenschiessen und einem Grossanlass im Letzigrund gewesen.


Die Motivation ist, anderen das Leben leichter zu machen
Sein Erfolgsrezept für 40 Jahre Berufstätigkeit beim gleichen Arbeitgeber: «Ich konnte mich mit der Firma und den Aufgaben identifizieren. Meine Arbeit war mir gelegen, ich habe sie gern gemacht», meint er dankbar. Sein Umfeld schätzt seine klare Haltung und sein vorausschauendes Wesen: potenziell gefährliche Punkte erkenne er frühzeitig. Auch sei ihm der Zusammenhalt des Teams immer wichtig gewesen. Die Fähigkeit, Ruhe zu bewahren, dürfte ebenfalls wesentlich für einen so komplexen und lebhaften Job sein. Auch im Gespräch ist das überlegte, unaufgeregte Naturell des 64-jährigen deutlich spürbar.
Ein Job, der rundum im Einklang mit den eigenen Fähigkeiten steht, bringt naturgemäss viel Erfüllung und Zufriedenheit. Ebenso wichtig ist aber der Sinn. «Die Leute gehen an eine Veranstaltung und wir tragen mit einem gelungenen Abtransport dazu bei, dass das Erlebnis über die Veranstaltung hinaus positiv bleibt», fasst Reichlin zusammen. Ob Bankett oder Grossveranstaltung: Die Motivation, etwas für die Leute zu tun, den Menschen ein gutes Gefühl zu geben, zieht sich wie ein roter Faden durch die Arbeit des Organisators. Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass er auch eine tragende Rolle bei der Entstehung von VBZ-Care gespielt hat.
Reichlin schliesst eine Lücke
Das VBZ-Care-Team wurde im Jahr 1999 gegründet. Es unterstützt das Fahrpersonal nach einer Kollision oder einem Personenunfall. Reichlin war Teil der Arbeitsgruppe, die das Unterstützungs-Angebot ins Leben gerufen hat. Es ist sein Herzensprojekt, und das hat einen Grund: «Am Anfang meiner Tätigkeit als Busfahrer hatte ich selber einen schweren Unfall. Damals gab es noch keine professionelle Unterstützung – das habe ich vermisst. Heute kümmert man sich um die Mitarbeitenden und stellt eine Nachbetreuung sicher.» Für die Bewältigung und zur Vorbeugung von posttraumatischen Belastungsstörungen sei dies eine wichtige Massnahme, betont Reichlin. Er war auch für die Aus- und Weiterbildungen des Care-Teams mitverantwortlich, für deren Weiterentwicklung sich das Team mit weiteren kantonalen und schweizerischen Care-Stellen vernetzt hat.

Ein Lebenswerk ist vollendet
Per Ende Jahr geht der «Maître» nun in Pension – «mit einem lachenden und einem weinenden Auge», wie er sagt. Sorge, dass es ihm langweilig wird, hat er nicht: «Ich habe Familie, fahre gerne ‹Töff›, und es gibt zahlreiche andere Dinge, die ich gerne mache.» Wobei «Töff» ein ziemliches Understatement ist: Dem Hörensagen nach ist der Familienvater nicht selten mit seiner Harley auf Alpenpässen und anderen schönen Strecken anzutreffen. Ansonsten mag es der einstige Berufskoch gemütlich und wird gewiss öfter mal Familie und Freunde verwöhnen und den Kochlöffel schwingen.
Am Ende hat Reichlin geschafft, wovon viele träumen: ein Lebenswerk zu hinterlassen: Von den durchdachten Abläufen an Veranstaltungen ebenso wie vom Care-Team werden noch viele Fahrgäste und Mitarbeitende der VBZ profitieren können.



